Auenwalder Gewerbegeschichte(n) 24.12.2011

Weihnachten in Auenwald

Dass mancher Auenwalder Gewerbebetrieb und Dienstleister an den Feiertagen nicht die wohlverdiente Ruhe findet, liegt in der Natur der Sache. Nicht nur in der Apotheke gibt es einen Notdienst – auch viele andere Mitglieder des HGV Auenwald helfen im Notfall ihren Kunden auch an den Feiertagen. Legendär sind die, am Heiligen Abend während der Kirchzeit gelieferten, Haushalts-Großgeräte der Fa. Munz. Fast wie aus dem Nichts standen diese plötzlich unterm Baum. Natürlich war dies kein Notdienst, sondern eben Dienst am Kunden. Aber gerade bei Störungen muss gehandelt werden, ohne Rücksicht auf Feiertage, die eigene Familie oder Wind und Wetter. Heizungsbauer, Sanitärfachleute, Elektriker oder Schlosser stehen stellvertretend für viele Andere.

Es war einmal ein Auenwalder Elektromeister. Am 23.12. verabschiedete er seine Gesellen in die Weihnachtsfeiertage, schloss seine Werkstatt ab und freute sich auf frohe Stunden mit seiner Familie. Am Vormittag des 24. Dezember trug er den Baum ins Wohnzimmer und stellte ihn auf. Während auch seine Frau noch Vorbereitungen traf, schmückte er gemeinsam mit den Kindern das Tannengrün. Es schien ein ruhiges Weihnachtsfest zu werden. Am Nachmittag breitete sich, wie jedes Jahr, eine feierliche Stille in Auenwald aus. Auch der Elektriker und seine Familie wurden allmählich von dieser Stimmung ergriffen. Seine Frau dachte an Weihnachtswünsche als das Telefon klingelte. Am anderen Ende der Leitung war aber ein verzweifelter Kunde. Ein Landwirt aus einem der Auenwalder Höfe. Sein Stall war plötzlich ohne Strom. Alle Selbsthilfeversuche waren vergebens gewesen.

Natürlich müssen Kühe auch am Heiligen Abend gemolken werden und der Bauer braucht auch an Feiertagen Licht im Stall. „Lieber schnell los und möglichst fix zurück zur Familie“ dachte sich der Meister. Umgehend fuhr er zu dem am Waldrand gelegenen Gehöft. Der Fehler war schnell gefunden, die Reparatur aber nicht im Handumdrehen zu erledigen. Der Landwirt war froh dass ihm geholfen wurde. Da er dem Elektromeister nicht zur Hand gehen konnte, einigte man sich schnell. „Besuchen Sie ruhig mit Ihrer Familie die Kirche, bis Sie wiederkommen bin ich fertig“ sagte der Handwerker zum Bauern. Im Schein seiner Handlampe machte er sich an die Arbeit. Nun war er ganz alleine mit dem Vieh im dunklen Stall. Die Wettervorhersage hatte vor der Gefahr eines Wintergewitters gewarnt. Während der Arbeit im Lichtkegel der Lampe hatte draussen Wind und Regen eingesetzt. Eine Böe trug von Oberbrüden her Orgelklang in den Stall. Den einsamen Notdienstler ergriff eine eigenartige, feierliche Stimmung. Kurz vor Ende der Reparatur musste er noch zum Auto um eine neue Sicherung zu holen. Gerade als er diese in der Hand hielt, durchzuckte ein Blitz die Nacht. Sein Blick war auf die offene Stalltür gerichtet. Von der Peterskirche her setzte Glockengeläut ein, das sich mit dem Gewitterdonner verband. Der brave Handwerker traute seinen Augen nicht: war dort nicht im Stall bei den Kühen eine Krippe zu sehen. War es eine Täuschung durch das grelle Blitzlicht, dass daneben ein Mann und eine Frau standen? Und als sich seine Augen langsam wieder an die Dunkelheit gewöhnten schien es ihm, als ob der Mann im Stall eine Laterne in der Hand hielt und ihm zuwinkte. Trotz des Regens blieb er für eine Weile wie angewurzelt stehen. Schließlich überwand er seine Starre und ging mit Herzklopfen zum Stall zurück. Alles war wieder wie zuvor, doch er war sicher die heilige Familie gesehen zu haben. Maria und Josef an der Krippe im Stall in Auenwald!

Ganz eigenartig berührt beendete der Elektriker sein Werk, hinterließ dem Kunden noch einen Zettel und machte sich auf den Heimweg. Seiner Frau und den Kindern fiel auf, dass er an diesem Heiligen Abend stiller und nachdenklicher war als sonst. Aber sie dachten er sei müde von der Arbeit und sie bedrängten ihn nicht weiter.

Der Auenwalder Elektromeister behielt sein kleines Geheimnis für sich und hat es mir nach Jahren verraten. Jetzt wissen auch Sie es. Bitte bewahren Sie es in Ihrem Herzen. Und auch den Zauber dieser Begegnung, die uns jedes Jahr in der Weihnachtszeit begleiten oder selbst wiederfahren kann. Ja – und wenn unser Handwerksmeister nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute und denkt just an diesem Heiligen Abend wieder an sein spezielles Auenwalder Weihnachtserlebnis.

Frohe Weihnachten !

Otfried Jaus